Selina Kampini

 

 

Miriam war Studentin und wohnte bisher mit einem anderen Mädchen  zusammen in einer Altbau-wohnung. Da ihre Wohnungs-Mitbewohnerin zu ihrem Freund gezogen war, suchte sie per Annonce eine Nachmieterin. Allein konnte sie sich die Wohnung nicht leisten.

 

Schon bald meldete sich ein Mädchen wegen des Inserats. Sie stellte sich am Telefon mit Selina Kampini vor und fragte, ob die Wohnung noch frei sei. Selina fuhr zu Miriam, um sie und die Wohnung kennen zu lernen. Sie trug Bootcut Jeans, ein T-Shirt mit Blumenmotiven und zwei Perlenketten in ihrem langen schwarzen Haar.

 

Selina gefiel die Wohnung und auch Miriam war ihr sofort sympathisch. Miriam sagte, dass sie Biologie studiere und fragte Selina, was sie beruflich mache. Diese erwiderte, dass sie Krankenschwester sei.

 

Miriam war angetan von Selinas Hippie Touch und so durfte sie eine Woche später bei ihr einziehen. Selina und Miriam verstanden sich blind. Nachts legten sie sich manchmal in ein Bett und ließen ihren Gedanken freien Lauf.

 

Miriam fragte Selina „Erzähl mir etwas von deinem früheren Freund“.

„Markus war gebildet, charmant, nett, und sah auch nicht gerade aus wie Frankenstein“, gab Selina zu. Miriam wurde stutzig: „So richtig leidenschaftlich klingt das nicht!“ „Markus hat sich nie richtig auf mich eingelassen. Er spürte nie, wie mir ums Herz war“, erläuterte sie.

Miriam fragte: „Habt ihr denn nicht miteinander geredet und euch ausgetauscht?“

Darauf entgegnet Selina: „Geredet ja, aber aneinander vorbei. Markus und ich sind im Guten auseinander gegangen. Ich bin ihm nicht gram. Manche Männer sind so gestrickt. Vielleicht sind sie in ihrem Innersten noch ein wenig archaisch gepolt.“

Wie meinst du das?“, fragte Miriam.

Selina sagte: „Wenn Markus zu mir etwas sagte, konnte man zwischen den Zeilen oft die Botschaft herauslesen: ich jagen, du sammeln!“

Miriam erklärte Selina: „Ich hab mal in einer Zeitschrift gelesen, dass Männer und Frauen oft einen Partner wählen, der eine ähnliche Attraktivität wie man selbst hat.“ Selina lachte und sagte: „ Also mir gefällt Quasimodo sehr gut.“

 

 

Manchmal holte Selina ihre Gitarre hervor und spielte und sang ihr Lieder aus den 70-iger Jahren vor. Songs von Crosby, Stills, Nash & Young. Auch Scott McKenzies berühmtes „San Francisco“ gab sie gekonnt wieder.

 

Miriam gefiel Selinas Style.  Wenn sie gemeinsam zum Klamotten Shoppen loszogen, ließ sich Miriam von ihrem Look inspirieren.

 

An einem Wochenende fuhren sie mit Selinas altem VW Bus zum Einkaufen in einen Supermarkt. Als sie ihre Einkäufe zusammen hatten, schob Selina den Einkaufswagen zur Kasse. Zum gleichen Zeitpunkt schob ein Mann - Ende 30, konservativ gekleidet, strenger Seitenscheitel - seinen Einkaufswagen ebenfalls zur Kasse. Selina wollte höflich sein und ihm den Vortritt lassen, deutete es mit einer Handbewegung an und sagte scherzhaft: „Rechts vor Links.“

Der Mann sagte erbost: „Sie können doch nicht die Straßenverkehrsordnung auf einen Supermarkt übertragen!“ Selina erwiderte noch: „Ich dachte“, doch dann fiel ihr der Mann schon ins Wort. Und jetzt kam er erst richtig in Fahrt. „Sie dachten, sie könnten unseren  Rechtsstaat beugen. Leute wie sie wollen doch nur Eines. Anarchie!“, schimpfte er.

 

Miriam und Selina waren sprachlos. Um dem Mann aus dem Weg zu gehen, stellten sie sich an einer anderen Kasse an. Es kam ihnen gelegen, dass noch weitere Kunden vor ihnen standen. Eine Frau vor ihnen rief nach vorn: „Bitte eine neue Kasse aufmachen!“.

Als sie ihren Einkaufswagen zum Auto schoben, sahen sie wie der „Rechtsexperte“ seine Einkäufe in den Kofferraum seines Autos einlud. In der einen Hand hielt er ein Klemmbrett, auf dem scheinbar sein Kassenbon befestigt war. Mit der anderen Hand legte er jeden Artikel einzeln in den

Kofferraum, und machte anschließend einen Haken auf dem Kassenbon.

Als er fertig war, ging er wieder in den Supermarkt, weil er scheinbar etwas vergessen hatte. Miriam und Selina gingen hinter einem Van in Deckung.

 

Sie verstauten ihre Einkäufe im VW Bus.

Miriam sagte zu Selina: „Der Spinner hat doch einen absoluten Überdruck!“

Ja, und mit Überdruck sollte man nicht am Straßenverkehr teilnehmen“, antwortete Selina kichernd.

 

 

Sie verließen den Parkplatz und fuhren nach Hause. Beide bissen herzhaft in die frisch gekauften Äpfel.

 

Inzwischen kam der „Klemmbrett-Halter“ wieder aus dem Supermarkt und lief auf sein Auto zu. Er stand wie angewurzelt da. Zwei Hinterreifen seines Renault R 4 waren platt. Selina und Miriam hatten ihm die Luft rausgelassen.

 

Was sie nicht bedacht hatten, war, dass der Parkplatz videoüberwacht war. Herr Jung, der Fahrer des Autos, hatte Anzeige erstattet. Auf Grund des Kennzeichens von Selinas Bus konnten sie ermittelt werden.

 

Beide wurden vor Gericht zitiert und wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe verurteilt.

 

Anfangs ziemlich niedergeschlagen, fanden sie aber bald wieder zurück zu ihrer Fröhlichkeit.

 

Als sie wieder einmal zusammen saßen, meinte Miriam, ein wenig könnten sie sich schon revanchieren.

 

Von den Unterlagen des Gerichts wussten sie seinen Namen und seine Anschrift.

Tags darauf fuhren sie im Polo von Miriam bei ihm vorbei, um die Lage zu peilen.

Es war ein gepflegtes Reihenhaus in einer Wohnsiedlung am Stadtrand.

Selina staunte und sagte zu Miriam, dass in einem dieser Häuser ihre Tante Julia lebe.

 

Die Zeit verging und sie verloren die Sache mit der Revanche wieder aus den Augen.

 

Erst als Selina ihre Tante Julia in einem Café traf und ihr von der Sache mit Herrn Jung erzählte, kam die Erinnerung wieder zurück.

 

Tante Julia ermahnte Selina: „Tut bitte dem Herrn Jung nichts an. Er durchlebt momentan eine schwere Zeit. Seine Frau hat ihn wegen einem anderen Mann verlassen. Seitdem ist er nicht mehr derselbe.“

 

Als Miriam und Selina wieder zusammen saßen, stimmte sie die Sache mit Herrn Jung doch sehr

 

 

nachdenklich, und beide meinten, vielleicht hätte es das mit den Reifen nicht unbedingt gebraucht.

 

Selina kannte Alex, einen Sozialarbeiter, und fragte ihn, ob er bei Herrn Jung vorbeischauen könnte. Er stimmte zu, und Selina bat ihn sich vorerst nicht als Sozialarbeiter zu outen.

 

Er fährt einen grünen Renault R 4. Vielleicht kannst du dir daraus einen Türöffner basteln“, gab sie ihm noch mit auf den Weg.

 

Am nächsten Abend fuhr Alex zum Haus von Herrn Jung und klingelte an der Haustür. Dieser öffnete und Alex fragte, ob er der Fahrer des R 4 sei. Herr Jung nickte „Der steht ja hervorragend da. Ist der restauriert?“, fragte Alex.

 

Bingo. Das Eis war geknackt. Herr Jung lud ihn auf einen Kaffee ein und zeigte ihm anhand von Fotos die Restaurierungsschritte seines Autos. Er sprach über die Entwicklungsgeschichte des R 4. Referierte über die Dauphine. Bewunderte den Mut von Michèle Mouton und Francoise Conconi, die sich bei Rallyes mit ihrer Alpine A 110 gegen  starke Porsches wehrten. Er verehrte Jean Rèdèlè.

 

Sie saßen zwei Stunden zusammen und Alex fragte Herrn Jung, ob er ihn nächste Woche auf ein Bier in seine Stammkneipe einladen dürfe. Er stimmte freudig zu.

 

Herr Jung begleitete Alex noch bis auf den Parkplatz. Er schloss seinen R 4 auf und sagte zu ihm: „Schauen Sie, ich habe auch die Sitze neu beziehen lassen. Wollen Sie eine Probefahrt machen?“ Bevor Alex antworten konnte, befand er sich schon halb gezogen, halb geschoben auf dem Fahrersitz.

 

Das Besondere am Renault R 4 ist, dass er eine Revolverschaltung hat. Das ist weder eine H-Schaltung, noch eine Lenkradschaltung, und am allerwenigsten eine Automatik. Es ist ein Stock mit einem nach oben gebogenen Knauf, der aus dem Armaturenbrett ragt.

 

Alex, der aber noch nie in seinem Leben mit einen Renault R 4 gefahren ist, wurde es mulmig zumute Aber die Renault-Werke standen ihm bei. Egal, wo man den Stock hinschob, man fand intuitiv immer den richtigen Gang.

 

 

 

Alex verabredete sich öfter mit Herrn Jung, der mit Vornamen Martin hieß.

Martin erzählte ihm auch, dass er sehr frustriert wäre, seitdem ihn seine Frau verlassen habe und er nur noch zurückgezogen lebe.

 

 

Als Alex Martin wieder traf, traute er seinen Augen nicht. Dieser hatte sich komplett umgestylt. Er trug Jeans, ein cooles T-Shirt und hatte sich eine neue Frisur zugelegt.

 

Sie gingen mal in diese Kneipe, mal in eine andere. Martin fand Gefallen am Nachtleben. Er liebte das Stimmengewirr, das Lachen der Leute, die Musik im Hintergrund. Martin hatte wieder richtig Lust am Leben.

 

Selina wollte ihre Eltern, die auf dem Land lebten, besuchen und ihnen Miriam vorstellen. Sie hatte noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester, die aber auch nicht mehr zu Hause wohnten. Beim Kaffeetrinken erwähnte Selinas Vater scherzhaft, dass seine Jüngste die einzige in der Familie sei, die einen leichten Hippie Touch habe.

 

Selinas Eltern hatten einen großen Garten und hinter dem Wohnhaus stand ein Schuppen, in dem ihre jüngste Tochter ihre Kuriositäten aufbewahrte. Miriam war gespannt und staunte nicht schlecht, als sie das Tor aufsperrte.

 

Es war wie ein kleines Museum. Links vom Eingang stand ein altes Göricke Damenfahrrad Baujahr 1955. Dahinter befand sich ein ungewöhnliches Mofa, das seinen Motor auf der Vordergabel befestigt hatte. Selina sagte, das sei ein französisches Velosolex, das von 1946 bis 1988 gebaut wurde. Nur bei Regen gehe es nicht so zügig voran, weil das Vorderrad über eine Reiberolle angetrieben werde und manchmal durchschleife.

 

In einem Eck stand ein knallroter Kanister. Miriam vermutete, dass Selina darin das Benzin für ihr Mofa aufbewahrte. Selina lachte und sagte: „Nein, das ist der Laptop von Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer.

 

Es war kein Kanister, sondern der Schiebekoffer für eine mechanische Schreibmaschine. Selina zog

eine ebenso poppig rote Olivetti Valentine Schreibmaschine heraus und sagte, dass diese Maschine

 

 

Ettore Sottsass 1969 designet hat. Sie steht auch im „Museum of Modern Art“ in New York. Selina fügte hinzu, dass die Valentine früher bei intellektuellen Schriftstellern beliebt war.

 

Auf der rechten Seite des Schuppens stand eine Adler Nähmaschine mit Tretpedal aus Uromas

Zeiten. Selina erklärte, sie sei voll funktionsfähig und wenn man an das Antriebsrad einen Fahrraddynamo anschließen würde, könne man sogar noch Strom gewinnen.  

 

Selina sagte: „Dass ich die Nähmaschine habe, liegt an dieser Pop-Art Schreibmaschine. Ich habe sie auf einem Flohmarkt günstig gekauft. Der Händler sagte mir fairerweise, dass sie nicht ganz funktionsfähig sei. Aber das machte mir nichts aus, sie gefiel mir einfach. Durch Zufall erfuhr ich von einem Büro-und Nähmaschinen-Mechaniker Meister in unserer Region, der früher ein Ladengeschäft betrieb und seit einigen Jahren schon in Rente war. Seinen Laden hatte er vermietet, aber seine Werkstatt dahinter hatte er noch. Ich rief einfach mal an und fragte, ob er meine Olivetti anschauen könnte. Er stimmte zu und ich brachte Herrn Ricker meine Schreibmaschine vorbei. Er sagte, seine Werkstatt sei noch immer so ausgestattet, als wäre er erst gestern in Rente gegangen. Während er meine Valentine reparierte, konnte ich mich in seiner Werkstatt umschauen. Hinter einem Ersatzteilregal stand diese alte Adler Nähmaschine und ich wollte sie haben. Herr Ricker und ich hatten an diesem Tag gemeinsam ein gutes Geschäft gemacht.“

 

 

In den Semesterferien von Miriam wollten beide Mädchen nach Kalifornien fliegen und das Land 20 Tage lang mit dem Wohnmobil kennen lernen.  

 

Nach einem angenehmen Flug landete ihr Airbus auf dem Flugplatz von San Diego. Unweit des Flugplatzes wartete bereits ihr Wohnmobil. Sie wollten einfach auf dem Highway One bis nach Big Lagoon fahren.

 

Sie übernachteten soweit sie einfach kamen. Zuerst in Santa Barbara, danach kurz vor Santa Cruz. San Francisco zog sie allein drei Tage in ihren Bann. Eine unbeschreibliche Stadt. Das Lebensgefühl dieser Stadt zu inhalieren, bedeutete Glückseligkeit für mehrere Wochen.

 

John Steinbeck beschreibt ihren Anblick in seiner „Reise mit Charley“:„San Francisco inszenierte ein Schauspiel für mich, diese goldene und weiße Akropolis, die Welle und Welle an das Blau des

 

 

Pazifikhimmels brandete, hatte etwas Betäubendes, etwas von dem Bild einer mittelalterlichen

italienischen Stadt, die nie existiert haben kann.“

 

Selina und Miriam wechselten sich am Steuer ihrer Wohnmobiles regelmäßig ab. Kurz vor Big

Lagoon gingen sie „vor Anker“ und hüpften in der Abendsonne in den Ozean.

 

Auf dem Rückweg über Sacramento besuchten sie auch den Yosemite Nationalpark, durchkämmten das Hinterland von Kalifornien und fuhren über San Bernadino wieder zurück nach San Diego. Von dort flogen sie wieder zurück nach Deutschland.

 

Beide waren von Kalifornien stark beeindruckt. Selina fühlte sich inspiriert, neben ihrem Beruf noch etwas Neues aufzuziehen.

 

So kaufte sie Stoffe mit floralen Motiven und ließ von einer Schneiderin Tops anfertigen. Diese bot sie im Internet an. Selina konnte auf ihrer alten Adler Nähmaschine zwar etwas nähen, hatte aber nur Grundkenntnisse. Aber dafür hatte sie Fantasie, Kreativität und auch einen gewissen Geschäftssinn.

 

Die Nachfrage war unerwartet stark und Selina beauftragte mehrere Schneiderinnen mit der Fertigung der Tops. Aus zeitlichen Gründen gab sie ihren alten Job auf und konzentrierte sich voll auf das Designen und Vermarkten von Outfits. Und so entstand das Label „Selina Kampini“.

Aber im Herzen blieb Sie ein Blumenkind.